Zeit: 4 Uhr morgens.
Ort: Hafen von Chios.
Mission: Fahrt nach Lebos.
Mentaler Zustand: Aufgeregt! Was lange währt, wird endlich gut, und so hieß es für Carina und mich gestern Leinen los, um unser Nachbareiland zu besuchen. Und zwar mit dem Schiff, juchu! Natürlich waren wir viel zu früh dran, aber wenn uns die Dame sagt, wir sollen um vier da sein, dann heißt dass nach den deutschen Tugenden Pünktlichkeit und Ordnung auch 4 Uhr, null Minuten und null Sekunden. Um uns herum ein Gewusel, LKW-Fahrer wollen die Ladung abholen, Griechen sitzen vor dem Kafeneion, rauchen und trinken Frappé. Von weitem sehen wir die Lichter der ΘΕΟΦΙΛΟΣ (Theofilos) vor der türkischen Küste auftauchen. Die riesige Fähre gleitet in den Hafen und dreht bei. Schiffsschrauben wirbeln das Wasser auf, als sie rückwärts anlegt, die Ladeklappen schon offen. Beindicke Taue werden geworfen und an den Pollern festgemacht, das Schiff legt an. Es spuckt Menschen und Fahrzeuge aus, die Zugmaschinen der LKWs beeilen sich mit dem Entladen, Sträflinge werden abgeführt und in einen Polizeiwagen verfrachtet, ein Leichenwagen holt einen Sarg. Wir gehen an Bord und beobachten das Treiben über die Reeling des Achterdecks gelehnt. Eine Durchsage ertönt, viertel vor fünf der Last Call für die Fahrgäste, dann legt die Theofilos ab. Ich laufe das Deck entlang, gehe ganz nach oben bis zum gewaltigen Schornstein, der dunkle Abgase ausspuckt. Wind zerrt an meinen Haaren und an meinem Mantel. Als wir den Hafen verlassen haben, liegt nur das träge, schwarze Meer unheimlich still vor uns, dass der Bug zerschneidet. Weiße Gischt spritzt. Ich begebe mich unter Deck.
Im Ruheraum warten schon die "airplane type seats" auf uns. Heiße Luft schlägt uns entgegen, ein paar Griechen haben ihre Schlafsäcke auf den Gängen ausgerollt. Wir versuchen, eine einigermaßen bequeme Position zu finden und dösen vor uns hin. Ab und zu heben sich meine Lider, aufgeschreckt vom Klackern des Komboloi, einer Art Kette, die sich Männer um die Hand wickeln und die einzelnen Kugeln weiterschlagen.
Willkommen auf Lesbos!
Dreieinhalb Stunden später legen wir im Hafen von Mytilene, der Hauptstadt von Lesbos, an. Auch hier erwartet uns wieder dasselbe Bild: LKWs, Polizei, Soldaten. Wir verlassen die Fähre und begeben uns auf Sightseeing-Tour. Erste Station ist die Freiheitsstatue von Mytilene, die direkt am Hafen liegt. Danach liegt das Frühstück an. Vorbei an stylischen Bars ähnlich denen von Chios suchen wir das Café, in dem die meisten Griechen sitzen. Hier bestellen wir Frappé und Blätterteigteilchen mit Käse (Tiropita) sowie frittierte Hefebällchen mit Sirup, Zimt und Nüssen (wenn mich nicht alles täuscht, heißen die Lukumades). Was uns gleich auffällt: Während auf Chios längst die Stühle eingeräumt sind, sitzen hier noch alle draußen, geschützt durch durchsichtige Planen und gewärmt durch Heizstrahler. Außerdem ist es einen Hauch günstiger als in Chios.
Nach dem Frühstück - es regnet mittlerweile - gehts auf zur Touristeninformation, die leider geschlossen ist. You know, it is winter... Sie liegt mitten am Hafen am Platia Sappho, den eine Statue der gleichnamigen griechischen Poetin ziert. Und ja, das war die Dame, die von lesbischer Liebe gedichtet hat.
Orthodoxe (Be-)SonderheitenUm Schutz vor dem Regen zu suchen, machen wir uns auf, die orthodoxen Kirchen von Mytilene zu erkunden. Die meisten sind nach byzantinischer Bauweise errichtet, weisen den typischen Kuppelbau und den obligatorische Glockenturm auf. Im Innern sind sie prunkvoll mit Gold verziert. Wo bei uns der Altar steht, findet sich hier die holzgeschnitzte Ikonostase, von der aus die Heiligen auf uns herabblicken. Orthodoxe Griechen bekreuzigen sich beim Betreten der Kirche und küssen anschließend die Ikonen. Und wenn ich sage Küssen, dann meine ich das auch. Ein Schmatzer aufs Glas – weiter zur nächsten Ikone. An hohen Feiertagen, die besonders viele Gläubige anlocken, gibt es extra Leute, die den Lippenstift nach einiger Zeit wegwischen, wie uns unser Chef Kostas erklärte. Überhaupt hat so ein orthodoxer Gottesdienst seine Besonderheiten: er wird in altgriechisch abgehalten, was aber die meisten Griechen nicht mehr verstehen. So herrscht ein ständiges Gemurmel, was denn der Priester gesagt haben könnte. Eine Messe dauert drei Stunden, man muss ihr aber nicht die ganze Zeit beiwohnen, sondern kann kommen und gehen, wann man will. Anschließend trifft man sich in gemütlicher Runde, um einen Kaffee zusammen zu trinken.
Shopping in Mytilene
Carina und ich spazieren weiter die Ermou Street entlang, eine Einkaufsstraße. Allerdings kommen wir zu dem Schluss, das Chios bessere Läden bietet als dieser – sorry, Griechen – "Türkenramsch". Als sich die Sonne wieder zeigt, geht es auf zum Amphitheater, das auf dem höchsten Punkt von Mytilene liegt. Von hier aus haben wir einen schönen Blick auf die Stadt, auch wenn von den Ruinen des Theaters recht wenig übrig geblieben ist. Die Ränge sind komplett zerstört, hier wuchert nur das Gras. Bruchstücke steinerner Säulen sind in der Nähe aufgestellt. Die Straßen sind glitschig vom Regen und so schlitterer ich mehr schlecht als recht bergab. Was gäben wir jetzt für Schuhe, die ihre Absätze vorne hätten! Perfekt für die griechischen Steilhänge.
Auf zur Festung!
Nach einer Kaffeepause besuchen wir das Antike Museum, in dem wir - wie in Chios - wieder die einzigen Gäste sind. Für Studenten ist der Eintritt übrigens frei. Hier finden sich sehr schön restaurierte Mosaikfußböden, mehrere Statuen und Hausutensilien. Anschließend begeben wir uns auf die nahe gelegene Festung. Im Wald finden wir ein Schild, das Fotografieren untersagt. Allerdings hat es schon ziemlichen Rost angesetzt, so dass wir uns einfach nicht dran halten. Ein paar Schritte weiter finden wir mit Camouflage-Muster angestrichene Häuschen. Anscheinend war das hier wohl mal militärisches Sperrgebiet und wir sind feindliche Spione. Übrigens hatten die Soldaten einen sehr schönen Ausblick aufs Meer, den wir uns nicht entgehen lassen.
So, jetzt aber genug von dem sachlichen Text. Ich merke, ihr wollt ein paar lustige MM-Stories hören. Okay. Nach dem Tipp von Vasilis, einem Freund von Dimitris, essen wir im Καλνθεριμι (Kalderimi) zu abend. Die Griechen nennen das wohl Mittagessen, denn in der kleinen Taverne ist die Hölle los. Das Kalderimi liegt in einem Gässchen in der Nähe der Ermou St. Die durchtrainierte Bedienung (weiblich!) macht mir mit ihren Oberarmen Konkurrenz und mit ihrer Bodybuilder-Figur Angst. Aber wir sind ja hier auf Lesbos, und da ist Nomen Omen. Wir bestellen also eine Auswahl an Vorspeisen und kommen uns schon richtig schlau und griechisch vor. Leider haben wir aber vergessen, das Schafskäse, Makrelen und Speck ziemlich salzig sind. Ob sie uns deswegen bei der Bestellung so komisch angeguckt hat? Lecker wars trotzdem und die 1,5-Liter-Flasche Wasser rettet unsere salzigen Zungen.
Weihnachtsschmuck auf griechisch
Dann wagen wir uns noch mit dem Bus ins Hinterland, wo der Fahrer so heizt, dass sich selbst die Griechen bekreuzigen. Moment: Das machen die nicht wegen dem Fahrer, sondern immer dann, wenn wir an einer Kapelle vorbeifahren. Schließlich erkunden wir das schöne Dörfchen Thermi mitten im Dunkeln, so dass uns nur die auch hier zahlreich blinkenden Lichterketten den Weg weisen. Unser Aufstieg zur Kirche der Panagia Trulloti wird erst durch einen kleinen, dann durch einen großen Kläffer verhindert, so dass wir schleunigst die Haxen schwingen und uns wieder an der Bushaltestelle einfinden. In Mytilene noch schnell ein paar Souvenirs eingesackt und dann gehts auch schon wieder an Bord.
Nissos Myokonos in full effect!
Diesmal heißt unsere Fähre ΝΗΣΟΣ ΜΥΚΟΝΟΣ (Nissos Mykonos) und ist das Flaggschiff der Hellenic Seaways. Hier muss man keine Stufen erklimmen, sondern wird per Rolltreppe befördert, die Sitze haben keinen pink-grünen Bezug sondern sind aus braunem Leder und auf den Flachbildschirmen läuft der griechische TV-Sender ANT1 mit einer Seifenoper. In nur zwei Stunden soll die Fähre den Weg zurücklegen, für den wir mit der Theofilos dreieinhalb gebraucht haben. Wir schlafen ein und wachen erschreckt auf – haben wir jetzt Chios verpasst? Vor unserem inneren Auge sehen wir uns schon in Piräus. Aber nein, auch das schnellste Schiff hat mal Verspätung und so erleben wir, wie der Kapitän voll Karacho in den Hafen einfährt und so anlegt, als würde er bei einem Auto in voller Fahrt die Handbremse ziehen.
Als die Klappen runtergehen, sehe ich doch tatsächlich Watermelon und Tasos. Die beiden, die hier so lange Bestandteil meines Lebens und meiner Abende waren, verlassen doch tatsächlich die Insel – vor mir! Melancholie überfällt mich und ich weiß, es ist Zeit für mich, zu gehen.
PS: Bilder gibts wie immer auf
flickr!